Grüner Posterboy Habeck  | extra 3 | NDR

Grüner Posterboy Habeck | extra 3 | NDR

February 22, 2020 0 By Bernardo Ryan


In den letzten fünf Jahren
gab es einen Mitgliederschub, wie noch nie
in der Geschichte der Partei. Das liegt wohl auch daran, dass die Grünen
keinem mehr weh tun. Es ist alles sehr kuschelig. Besonders radikale Ideen
hört man kaum noch. Klimaschutz
wird niemanden mehr kosten. Die Abschaffung
der Verbrennungsmotoren geht, ohne dass einer
auf was verzichten muss. Fleisch essen – kein Problem. Die Grünen sind
etwas konservativ und etwas links und halten sich
aus der Politik komplett raus. Sie sind so was
wie Angela Merkel als Partei. Was sie haben,
ist der Wohlfühlfaktor. Und sie haben Robert Habeck,
den grünen Posterboy. Habeck ist nicht mehr
bei Facebook und Twitter, aber er hat einen Blog,
wo er sich selbst inszeniert. Da gibt es solche Fotos: Robert Habeck sitzt im Wald
und schreit einen Baum an. Man fragt sich, warum? Was keiner weiß: Hinter dem Baum
sitzt Annalena Baerbock und sagt, dass sie auch Kanzlerin werden will. Wir haben ihn heute in der Sendung. Herzlich willkommen, Robert Habeck. Viele sehen die Grünen
auf dem Weg zur Volkspartei. Kann man das so sagen? Ob man das “Volkspartei” nennt
oder “moderne Volkspartei” oder die “Volkspartei
mit dem coolsten Führungsduo”: Das ist alles Quatsch mit Soße. Mir geht es darum,
niemanden auszuschließen. Wir wollen auch für die da sein,
die gern mal ein Nackensteak essen. Essen Sie gern Nackensteak,
Herr Ehring? Ich? Ja, selten, aber es kommt vor. Cool, dann gehören Sie
zur grünen Zielgruppe. Wir wollen die Nackensteakesser
und die Schweine. Also die Schweine,
die die Nackensteaks essen. Mindestpreise für Nackensteaks
sind schon Voraussetzung, sofern die Leute bereit sind,
das zu zahlen. Ansonsten wäre es auch okay.
Schade, aber okay. Herr Habeck, ich muss unterbrechen.
Das ist so wischi-waschi. Ich habe Sorgen auch mit Blick
auf Regierungsbeteiligung. Die Grünen waren
wie keine andere Partei in der Lage, ihre Ideale über Bord zu werfen
und faule Kompromisse zu schließen. Steht uns das wieder bevor? Nö, das sind
keine faulen Kompromisse. Wir wollen nicht den Fehler machen, kurz vor einer Bundestagswahl
zu inhaltlich zu werden. Es ist noch hin bis zur Wahl. Und gibt es nicht Themen,
wo man sich unbeliebt machen muss. Unbeliebt, beliebt, unbeliebt. Ich bin beliebt, man hört’s auch. Das sind
anachronistische Kategorien. Aha. Wirklich? Ich stehe für Politik,
die Bock macht auf Politik. Die versucht,
einen Echoraum aufzumachen, der es allen progressiven Kräften
ermöglicht: Osmotisch, fundamentalonthologisch,
biodivers und metaphysisch die Membran unserer Sozialkontexte
zu durchdringen, zu transzendieren. Wenn Sie so wollen, und …
Wie war die Frage? Was war noch mal die Frage? Ich weiß es auch nicht mehr.
Ich hab sie vergessen. Geil, dann kann ich
weiter rumschwurbeln. Nein, nein, nein! Schauen Sie. Wir Grünen sind und waren
schon immer ‘ne Bewegungspartei. Ob diese Bewegungen
Proteste sind oder Yoga, ist mir schnurz. Ich stehe dafür, voranzuschreiten,
die Horizonte zu verschieben. Dafür trete ich an. Dass ich dabei besser aussehe
als andere, haben Sie gesagt. Das habe ich nicht gesagt. Joah. Also … Wissen Sie … was mich stört? Wissen Sie, was mich stört? Wir reden nur über mich. Erlebe ich oft in Interviews. Sachfragen werden verdrängt
und es geht um Personelles. Wie diese, Entschuldigung,
bescheuerte K-Frage. Warum werde nur ich
als Kanzlerkandidat gehandelt und nicht Annalena Baerbock? Das beobachte ich nicht so. Annalena und ich,
wir sind ein geiles Team. Annalena ist genau so gut wie ich,
vielleicht sogar besser … … woanders aufgehoben. Wir sind ein geiles Team und lassen uns nicht
auseinanderdividieren. Harmonie geht über alles. Die Grünen
sind beängstigend kuschelig. Es geht in der nordkoreanischen
Volkskammer kontroverser zu als auf einem Grünen-Parteitag. Dabei gibt es Konflikte,
aber die werden ignoriert. Beispiel: Die Partei hat nicht ihre Haltung
zur Homöopathie geklärt. Wie war das mit den Globuli? Dazu war eine Kommission
gebildet worden, die wurde aufgelöst. Den Globuli-Konflikt
haben wir verschoben. Das haben wir auch
mit dem Klimawandel vor. Das ist toll, aber haben Sie persönlich
eine Meinung zur Homöopathie? Ja, klar.
In dem Fall wäre es ein Kompromiss. Globuli sollten weiter
von Krankenkassen bezahlt werden. Wegen des vielen Zuckers sollte auf die Packung
die rote Lebensmittelampel. Das klingt nach
einer sehr grünen Lösung. Vielen Dank, Robert Habeck.